Künstliche Intelligenz hat die Film- und Werbebranche in den letzten Jahren spürbar verändert. Von der Konzepterstellung und Drehbuchentwicklung über visuelle Effekte bis hin zu Sprachanpassungen beschleunigt sie Abläufe, optimiert Ergebnisse und eröffnet neue kreative Möglichkeiten.
Dieser Artikel bietet einen Einblick in den praktischen Einsatz von KI entlang der einzelnen Produktionsphasen: Nach der Pre-Produktion liegt der Fokus auf stimmlichen sowie visuellen Anwendungen in der Produktion und Post-Produktion von Filmen sowie auf den spezifischen Einsatzmöglichkeiten in der Werbebranche.
Pre- Produktion
Drehbuch und Casting
Das Drehbuch ist das Fundament eines jeden Films. Um dieses Fundament so stark wie möglich aufzubauen, bedarf es mehrerer Runden des Redigierens und Prüfen der Logik.
Dieser Prozess kann mit der Hilfe von KI um einiges beschleunigt werden, beziehungsweise kann eine neue Stufe der Prozesse eingeführt werden, indem ein LLM das Drehbuch auf logische Fehler durchgeht und die Nutzung der Sprache prüft, was vor allem bei Passagen in einer Fremdsprache oder bei dem Gebrauch von altertümlicher Sprache durchaus hilfreich ist.
Auch beim Casting ist KI unterstützend bei der Analyse vorheriger Rollen der Schauspieler. Dafür analysiert sie die Breite an bereits gespielten Charakteren und gleicht diese mit den Ansprüchen der ausgeschriebenen Rolle ab, um abzuwägen wer am besten der gesuchten Rolle entspricht.
Storyboarding
Storyboarding geht vom textlichen Aspekt in den visuellen über. Man skizziert die ausgeschriebenen Szenen digital oder analog, um ein Gefühl für die visuelle Umsetzung zu bekommen. Es dient als Leitfaden für Kamera, Regie und bietet die Möglichkeit mit verschiedenen Einstellungen, ohne große Umstände, zu experimentieren.
Text zu Bild KI Modelle beschleunigen diesen Prozess und bieten somit die Möglichkeit mehr Optionen zu sichten und in Betracht zu ziehen, um die bestmöglichen Einstellungen für das finale Produkt zu finden.
Produktion und Post Produktion
De-Aging and Aging
Es ist nichts neues, dass man Schauspieler für spezifische Rollen gelegentlich verjüngt oder altert. CGI-Prozesse setzen diese Prozesse normalerweise um. Das Einscannen des Gesichtes des Schauspielers hilft bei der Erstellung eines digitalen 3D Modells. Anschließend erstellt man für dieses Modell Muskeln, den Blutfluss sowie Hautmerkmale wie kleine Härchen. Beim Rigging sorgt das Team anschließend dafür, dass sich das gesamte Konstrukt natürlich bewegt. Dieser Prozess findet in der Post Produktion statt und ist extrem zeitaufwendig. Ein weiteres grundlegendes Problem beim Verjüngen ist, dass die Körpersprache des Schauspielers nicht unbedingt zu seiner jüngeren Version passt. Ein Beispiel hierfür ist Robert De Niro in „The Irishman“ von 2019. Auch wenn das Gesicht verjüngt ist und überzeugend aussieht, wirken einige Bewegungen zu verzögert und nicht dem gewollten Alter entsprechend.
Beim Altern gibt es die Möglichkeit Prothesen zu nutzen. Dabei gibt es das Problem, dass sie plastisch aussehen können und sich nicht natürlich wie Haut, sondern wie Gummi bewegen.

Beide Probleme hätte sich auch das Produktionsteam vom Film „Here“ (2024) stellen müssen. Das Drama zeigt aus einem einzigen Kamerashot die Geschichten mehrerer Generationen einer Familie über Jahrzehnte hinweg. Dabei hat man Schauspieler verjüngt als auch gealtert. Um diese Arbeit so effektiv wie möglich zu gestalten, verzichtete das Team auf die üblichen CGI-Prozesse. Stattdessen trainierte es zusammen mit Metaphysics ein ML-System mit einer Reihe von Bildern des jeweiligen Schauspielers. Dafür erstellte es Bildgruppen, die die Person in verschiedenen Situationen, Perspektiven und Lichtverhältnissen zeigen. Wenn die generative KI anschließend ein digitales jüngeres Double erstellen sollte, erstellte sie ein völlig neues Bild auf Grundlage der eingespeisten Bilder. Das passiert in Sekundenschnelle, sobald die KI trainiert ist. Daher war es am Set war es möglich ein Live Face Swap auf einem zweiten Monitor zu sehen. Das Problem der nicht passenden Bewegungen zum Alter was gespielt wird, konnte damit auch besser angegangen werden, da die Crew direkt sehen konnte, ob die Körperhaltung und Gestik zum Face Swap Gesicht passen. Genauere Anpassungen für Licht und Farben nahm das Team dann in der Post Produktion vor.
Beim Altern gestaltet sich der Prozess etwas anders, da es keine Bilder der Schauspieler aus der Zukunft gibt. Daher nutzte man Fotos der Schauspieler, wie sie Prothesen tragen, die sie älter aussehen lassen als Input für die KI. Diese lässt Bewegungen der Prothese dann weicher und natürlicher aussehen.
Das Baby Problem
Twilight Fans erinnern sich vermutlich mit Schrecken an das „uncanny“ Baby aus „Breaking Dawn – Teil 2“. Alle anderen, deren dieser Anblick erspart blieb, sehen vermutlich in der heutigen Zeit weitaus bessere Versionen von digitalen Babys. Auch wenn es sich um ein komplett digital erstelltes „Objekt“ handelt, was nicht auf menschlichen natürlichen Bewegungen beruht wie beim Aging oder De-Aging, gibt es zumindest im Bereich der Expressionen große Fortschritte.
Eine Mischung aus CGI-Animation und ML von Revize erweckt beispielsweise in In „Thor: Love and Thunder“ (2022) Baby Thor zum Leben. Der Unterschied zum Twilight Baby ist die Nutzung von Machine Learning, welche das animierte Modell menschlicher aussehen lässt auf Grundlage einer Reihe von Bildern eines echten Babys, wie man es beim Aging und De-Aging macht. Durch das Anlernen der KI mit diesen Bildern, wirkt das Thor Baby im Vergleich zum Twilight Baby weitaus menschlicher und weniger uncanny.
Wird CGI von KI Modellen abgelöst?
Wahrscheinlich nicht. Zumindest nicht nächste Woche. Zwar ist die Zukunft immer unvorhersehbar und KI entwickelt sich so rasant, dass es beinahe täglich neue und bessere Modelle gibt, allerdings hat CGI den Vorteil, dass man über das erstellte Objekt volle Kontrolle hat. Der Prozess ist lang und mühsam, aber wenn sobald man eine exakte Vorlage umsetzen möchte, ist an mit CGI auf der sicheren Seite.
Stimmen und Sprache
Auch für Sprache verwendet man KI auf verschiedene Arten. Das erstreckt sich über Fremdsprachen, Dubbing und Textänderungen nach dem Abfilmen.
Akzente und Dubbing
Im Drama „The Brutalist“ (2024) verbessert das Filmteam in der Post Produktion mit Hilfe von Respeechers I den ungarischen Akzent der beiden Hauptdarsteller für ein authentischeres Ergebnis.
KI-Tools erleichtern ebenso das Dubbing von Filmen und Serien, da es möglich ist die Lippenbewegungen der Schauspieler an die neue Sprache anzupassen, was zu einem überzeugend echt wirkenden Ergebnis führt. In dem Fall bezeichnet man es auch als vubbing, also visual dubbing. Flawless beispielsweise erreicht mit seinem KI-Tool „TrueSync“ genau das. Alles, was die Produktion zur Verfügung stellen muss, ist die Masterversion des Films und die Dubbing Dateien. TrueSync passt die Lippenbewegungen an, ohne das gesamte Gesicht des Schauspielers zu rekonstruieren, um die originalen Expressionen zu erhalten. Nach einer Qualitätskontrolle leitet das Team das fertige Produkt durch professionelle Lokalisierungspartner von Flawless an die entsprechende Filmproduktion weiter.
**** you!
Manchmal rutscht es bei den Aufnahmen einfach so raus und im Handumdrehen ist der geplante PG-13 Film, stattdessen im R Ranking. Bei der Action Komödie „Playdate“ (2025) war das zum Beispiel der Fall. Um den Film dennoch zum PG-13 Ranking zu verhelfen, ohne alle betroffenen Szenen neu zu drehen, hat sich die Filmproduktion mit Flawless zusammengetan. Mit Flawless „Censorship Editing“ gelangt der Film in 5 Schritten wieder ins PG-13 Ranking. Zuerst schreibt das Filmteam neue Dialoge. Anschließend sprechen die Schauspieler diese neu ein.
| Original | Angepasst |
| „get f***ed up“ | „get ripped up“ |
| „F*** yeah dude!“ | „Hell yeah dude!“ |
| „he calls me a f***nose bitch” | „he calls me a bucktooth bitch” |
Die eingesprochenen neuen Dialoge lädt man anschließend bei „DeepEditor“ hoch, einem vubbing Kerntool des Unternehmens. Damit entsteht eine neue fluchfreie Szene die nicht nur sprachlich, sondern auch visuell überzeugt, ohne dass man die gesamte Szene neu drehen muss.
Zeitreisen
Einige erinnern sich vielleicht noch an den kleinen rothaarigen Kobold Pumuckl und Meister Eder. Die Kultserie aus den 1960er Jahren legte man 2023 neu auf. Für diese Neuauflage hat Respeecher die Originalstimme von Pumuckl, Hans Clarin, mithilfe von KI wiederbelebt um die emotionale Nähe zwischen Pumuckl und dem Publikum wiederaufleben lassen zu können.
Nach Zustimmung von Clarins Familie, nutzte man Archivaufnahmen der Originalserie, um die KI zu trainieren. I Das Team setzte das Training dann in enger Zusammenarbeit mit der Serienproduktion Neuesuper fort, bis die Ergebnisse authentisch und ausdrucksstark waren. Ein neuer Schauspieler sprach Pumuckl ein, Respeechers trainierte KI wandelte die Stimme anschließend um, sodass sie wie das Original von früher klang.
KI in der Werbeproduktionen
Während die Filmindustrie KI vor allem für spektakuläres Storytelling nutzt, dreht sich in der Werbebranche alles um Daten, Tempo und zielgerichtete Ansprache. Auch hier unterstützt die Nutzung von KI den Entstehungsprozess:
Pre-Produktion
In der Konzepterstellung analysiert KI in Sekundenschnelle Zielgruppen gerichtete Trends und Kundendaten. Tools wie ChatGPT oder Jasper verfassen erste Skripte, Storyboards und Textversionen.
Um die Luxuslimousine Lexus ES auf den Markt zu bringen, nutzte Lexus ML, um das Kernskript, die Erzählstruktur und den dramatischen Handlungsbogen des Werbefilms zu erstellen. Um diese maßgeschneiderte KI zu entwickeln, arbeitete Lexus mit der Kreativagentur The&Partnership London und dem technischen Spezialisten Visual Voice zusammen und nutzte dabei IBM Watson Technologie. Die KI trainierte mit 15 Jahren preisgekrönter Luxusauto-Werbespots der Cannes Lions, kombiniert mit Daten zu emotionalen Reaktionen vom Videomarktplatz Unruly und Studien zur menschlichen Intuition von MindX (der Abteilung für angewandte Wissenschaft an der University of New South Wales). Um das daraus entstandene Drehbuch zum Leben zu erwecken, arbeitete Lexus mit dem Oscar-prämierten Regisseur Kevin Macdonald zusammen, der die Geschichte eines Takumi-Handwerkers inszenierte, dessen Kreation sich mithilfe einer automatischen Notbremsfunktion selbst rettet.
Produktion
Bei der Erstellung visueller Assets sparen Bild- und Videogeneratoren wie Midjourney, DALL-E oder Runway massiv Zeit und eröffnen neue Ansätze.
Mit der preisgekrönten Kampagne „A.I. Ketchup“ hat Heinz eindrucksvoll bewiesen, wie ein Marketingteam spielerisch und effektiv künstliche Intelligenz in der Markenführung einsetzt. In Zusammenarbeit mit der Kreativagentur Rethink fütterte die Marke den damals führenden Text-zu-Bild-Generator DALL-E 2 mit generischen Begriffen wie „Ketchup“, „Renaissance Ketchup Bottle“ oder „Ketchup Tarot Card“. Das Resultat zeigt, dass selbst die KI das Wort „Ketchup“ fast ohne Ausnahme mit der ikonischen Heinz-Flasche assoziierte. Über Social Media bezog Heinz die Community mit ein, indem User eigene Bildideen einreichen konnten, die anschließend generiert wurden. Ergänzend zur digitalen Kooperation, gab es Sondereditionen physischer Heinz-Flaschen mit den KI-Etiketten sowie einer eigenen Kunstgalerie im Metaverse.
Post-Produktion & Distribution
Tools wie Runway Gen-2 oder Adobe Sensei automatisieren zeitintensive Aufgaben wie das Entfernen von störenden Objekten oder ungewollten Flecken, KI-gestütztes Reframing von 16:9 auf 9:16 für Social-Media-Storys spart Zeit und händisches Bearbeiten des Materials, was eine effektive Streuung der Werbung über verschiedenste Kanäle garantiert. Wie bereits beim Film in der Post-Produktion unter Sprache erwähnt, lassen sich natürlich dieselben Prozesse auch in der Werbung anwenden. Vor allem das Übersetzen in verschiedene Sprachen gestaltet sich leichter effektiver und erschließt oder bedient neue Märkte.
KI ist längst ein fester und äußerst wertvoller Bestandteil moderner Film- und Werbeproduktion geworden. Ob Skripte, De-Aging, Dubbing, Schnitt oder nachträgliche Dialogänderungen, die Technologie liefert Lösungen für Probleme, die früher entweder gar nicht oder nur mit enormem Aufwand lösbar waren. Ein missglückter Take muss nicht mehr zwangsläufig einen kompletten Nachdreh bedeuten, eine Altersdiskrepanz zwischen Schauspieler und Rolle lässt sich überzeugend überbrücken, und selbst verstorbene oder unverfügbare Stimmen können mit Zustimmung der Beteiligten würdevoll weiterleben.
Genau darin liegt das große Potenzial dieser modernen Technologien. Sie geben Kreativschaffenden neue Werkzeuge an die Hand, mit denen sich Visionen realisieren lassen, die vorher an Budget, Zeit oder technischen Grenzen gescheitert wären. Die Entwicklung ist rasant, und mit jedem Monat werden die Ergebnisse überzeugender.
KI übernimmt dabei nicht die kreative Vision, sondern erweitert den Werkzeugkasten von allen Beteiligten um Möglichkeiten, die den Film und die Werbung bereichern. Die Zukunft wird also nicht von KI oder Mensch bestimmt, sondern von beiden gemeinsam.